Der WHO-Kodex: eine kurze Zusammenfassung

Der WHO-Kodex

Logo der Weltgesundheitsorganisation (© speedfighter)

Der so genannte WHO-Kodex wird in Zusammenhang mit der Stillförderung viel erwähnt. Doch, dieses umfangreiche und komplexe WHO-Dokument ist für Eltern, aber auch für Fachpersonen schwer nachzuvollziehen. Was sind die wichtigsten Aussagen des WHO-Kodex? Welche Bedeutung haben sie für die Stillförderung? Wie können Eltern wie medizinische Fachleute dazu beitragen, dass der WHO-Kodex stärker berücksichtigt wird? Dieser Artikel bietet eine kurze und verständliche Zusammenfassung.

Der Internationale Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten (Englisch: International Code of Marketing of Breast-milk Substitutes) wurde 1981 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verabschiedet. Seitdem wird der WHO-Kodex alle zwei Jahre von Folgeresolutionen ergänzt und präzisiert. Das Ziel des WHO-Kodexes ist es, die Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten auf Kosten des Stillens zu verhindern und eine sichere Ernährung von Säuglingen mit Muttermilchersatzprodukten zu fördern, wenn diese gebraucht werden.

⇒ Die Gesundheit der Säuglinge ist zu kostbar, um sie dem Wettbewerb und den üblichen Vermarktungsstrategien von Herstellern und Händlern auszusetzen. Laut WHO könnten weltweit 800.000 Kinder-Leben im Jahr gerettet werden, wenn alle Kinder zwischen 0 und 23 Monaten optimal gestillt würden. Auch in den entwickelten Ländern hat Nicht-Stillen kurzfristige und langfristige Folgen für die Gesundheit der Kinder.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, dass an der Einhaltung des WHO-Kodexes alle Beteiligten mitwirken: Alle Hersteller und Händler, Regierungen, Gesundheitspersonal, Nichtregierungs- und Verbraucherorganisationen. Da eine Verletzung des WHO-Kodexes in den Ländern nicht effektiv sanktioniert wird, sind Verletzungen weit verbreitet. Da die Firmen an künstlicher Säuglingsnahrung massive Umsätze machen, ist der Kampf gegen Kodexverletzungen nicht einfach. Die jährlichen Umsätze der Säuglingsnahrungsindustrie betragen weltweit 45 Milliarden US$ und nehmen massiv zu. Für 2019 sind bereits 70 Milliarden US$ geschätzt – aufkosten des Stillens.

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Bei ihren Kaufentscheidungen können Eltern die Kodex-Konformität der Anbieter berückichtigen

Auch die Eltern wie alle anderen Verbraucher können Druck ausüben, indem sie Kodex-Verletzungen der Firmen bei der Aktionsgruppe Babynahrung melden und bei ihren Einkäufen die Kodex-Konformität der Anbieter berücksichtigen. Wenn viele Menschen über den WHO-Kodex Bescheid wissen und die Kodex-Konformität bei ihren Kaufentscheidungen mit beachten, dann wird sie auch wirtschaftlich belohnt. Die Kodex-Konformität wird zum Marktvorteil. So können die VerbraucherInnen dazu beitragen, dass mehr Firmen den WHO-Kodex einhalten und somit weniger irreführende, stillfeindliche Botschaften in die Welt gesetzt werden. Eine Liste der größten Kodex-verletzenden Firmen aus 2013 (alle Hersteller von Säuglingsnahrung und viele Hersteller von Saugflaschen / künstlichen Saugern, inklusive vieler Milchpumpenhersteller) findet sich bei IBFAN.

Kodex-Verletzungen finden übrigens vielfach in den Einrichtungen des Gesundheitswesens statt. Viele Krankenhäuser lassen sich mit verbilligter Säuglingsnahrung und kostenlosen Probepackungen beliefern und legen diese öffentlich aus, damit die Mütter sich selbst bedienen können. Das sind massive Verletzungen des WHO-Kodex. Auch FrauenärztInnen beteiligen sich häufig an der Austeilung von Werbung von Säuglingsnahrungsherstellern an werdende Mütter. Unter den Kinderärzten sind Kodex-Verletzungen sehr verbreitet. Sie akzeptieren gerne kostenlose Pröbchen, Kalender, Messlatten, Spielzeug oder Terminvereinbarungsblöcke von Säuglingsnahrungsherstellern und legen die Proben gut sichtbar aus. Manchmal sind auch Hebammen an den Kodex-Verletzungen beteiligt. Diese Praktiken kommen einer Empfehlung von künstlicher Säuglingsnahrung von Experten gleich und tragen dazu bei, dass Mütter die künstliche Säuglingsernährung als dem Stillen gleichwertig und normal erachten.

Häufig sind solche Kodex-Verletzungen durch Gesundheitspersonal unbeabsichtigt und auf die Unkenntnis des WHO-Kodex zurückzuführen. Eltern können ihre Ärzte/Ärztinnen, ApothekerInnen, Hebammen, Pflegende usw. auf eventuelle Verletzungen des WHO-Kodex in ihrer Einrichtung freundlich ansprechen und sie über den Kodex sowie die Tragweite der Kodex-Verletzungen aufklären. Bereits ein einzelner Hinweis kann dazu beitragen, dass der WHO-Kodex durch die Fachpersonen in Zukunft besser beachtet wird. Auch anonyme Beschwerdebriefe sind sinnvoll, falls die Eltern auf direkte Konfrontation verzichten möchten.

Kurzfassung des WHO-Kodex zur Ver­mark­tung von Mutter­milch­ersatz­pro­dukten

Die wichtigsten Aussagen des WHO-Kodex lassen sich für Eltern folgenderweise zusammenfassen:

1. Das Ziel des WHO-Kodex

Der WHO-Kodex schützt und fördert das Stillen sowie die sichere Ernährung von Säuglingen mit Muttermilchersatznahrung, wenn diese benötigt wird.

2. Der Gültigkeitsbereich des WHO-Kodex

Der WHO-Kodex findet für Muttermilchersatzprodukte Anwendung, welche als teilweiser oder voller Ersatz für Muttermilch vermarktet werden. Das sind laut WHO alle Getränke und Lebensmittel, die für die ersten sechs Lebensmonate beworben werden − entsprechend den globalen Empfehlungen der WHO, Beikost erst ab dem vollendeten 6. Lebensmonat einzuführen −, sowie Getränke und Lebensmittel, die ab dem zweiten Halbjahr als Muttermilchersatz z.B. aus der Flasche angeboten werden. Konkrete Beispiele:

  • Künstliche Säuglingsmilch inklusive Anfangs- und Folgemilch sowie Formulanahrung für Babys mit besonderen medizinischen Bedürfnissen (HA, AR, Antikolik-Nahrung usw.)
  • Andere Milchprodukte
  • Säuglingstees, -wasser und -säfte
  • Beikost aus der Flasche

Der WHO-Kodex gilt auch für künstliche Sauger und Saugflaschen.

3. Verbot der Werbung

Die oben genannten Produkte dürfen in der allgemeinen Öffentlichkeit und insbesondere bei schwangeren Frauen und Müttern nicht beworben werden. Mitarbeiter der Hersteller und der Händler dürfen zu schwangeren Frauen und Müttern keinen Kontakt aufnehmen oder diese beraten, weder direkt noch indirekt.

4. Keine Produktmuster

Es dürfen keine kostenlosen Muster der oben genannten Produkte an Mütter, ihre Familien und Mitarbeiter des Gesundheitswesens abgegeben werden.

5. Keine Einflussnahme über die Einrichtungen des Gesundheitswesens

In den Einrichtungen des Gesundheitswesens (Krankenhäuser, Arztpraxen, Apotheken, Hebammenpraxen usw.) darf für Muttermilchersatzprodukte sowie Sauger und Saugflaschen keinerlei Werbung gemacht werden. Das heißt, Produkte oder Werbematerial dürfen nicht ausgelegt oder verteilt werden. Auch Firmenlogos von den Herstellern oder Händlern auf Mutterschutzhüllen, Kalendern, Abreißblöcken, Stiften usw. sind in den Einrichtungen nicht erlaubt, genauso wenig Hefte oder Zeitschriften der Hersteller oder Händler dieser Produkte. Krankenschwestern und weiteres Gesundheitspersonal dürfen nicht von den Herstellern oder Händlern dieser Produkte finanziert werden.

6. Keine Sonderangebote

Es dürfen keine kostenlosen oder verbilligten Lieferungen dieser Produkte innerhalb des Gesundheitssystems abgegeben werden, weder an Einrichtungen noch an Einzelpersonen.

7. Sachliche Informationen

Die Produktinformationen für Muttermilchersatzprodukte sowie Sauger und Saugflaschen müssen sachlich und wissenschaftlich fundiert sein. Die ausgegebenen Informationsmaterialien müssen auf die Vorteile des Stillens sowie die gesundheitlichen Gefahren und Kosten der künstlichen Säuglingsernährung und der Flaschenfütterung hinweisen.

8. Informative Etikettierung

Die Aufschrift an Muttermilchersatzprodukten sowie Saugern und Saugflaschen muss auf folgende Punkte hinweisen:

  • dass Stillen der künstlichen Säuglingsnahrung überlegen ist
  • dass das Produkt nur auf Anraten einer medizinischen Fachkraft verwendet werden soll, die über deren tatsächliche Notwendigkeit Bescheid weiß und die Eltern über deren richtige Anwendung informiert
  • Anweisungen für die richtige Zubereitung bzw. Verwendung
  • Hinweis auf die Gefahren einer überflüssigen oder falschen Anwendung des Produktes

Es dürfen keine Abbildungen oder Texte vorkommen, die das Produkt (also Muttermilchersatzprodukte sowie Sauger und Saugflaschen) idealisieren – insbesondere auch keine Abbildungen von Babys.

9. Hohe Qualität der Produkte

Ungeeignete Produkte, wie gesüßte Kondensmilch, dürfen für Säuglinge nicht beworben werden. Alle Produkte sollten qualitativ hochwertig sein (entsprechend den einschlägigen internationalen Normen für Lebensmittel (Kodex Alimentarius)).

Quellen:


© Dr. Z. Bauer – Publikationen in der Stillförderung. 2003-2016.